| BO BO CHEU JING Folge Schritt für Schritt dem Schatten <des Gegners> Marcel Meyer, UIII, Schüler von Si-Fu Peter Steiner Das Lok Yiu Wing Chun beruht als Unterrichtssystem nicht auf Techniken, sondern auf Prinzipien und Methoden. (Häufige) Fehler helfen für das Verständnis, und zwar insofern, dass man bei jedem Begehen eines solchen erneut merkt, spürt und sieht, wie es nicht funktioniert. Die Prinzipien sind als Ideal formulierte Anleitungen, um den Körper isoliert oder in der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber optimal bewegen und verändern zu lernen. Insofern leiten sie den Wing Chun-Praktizierenden dazu an, worauf er achten soll. Bo bo cheu jing ist das zweite von den ersten drei Prinzipien. Die drei Prinzipien sind nicht unabhängig voneinander, sondern insofern miteinander verknüpft, als dass sie einander voraussetzen: Auf der Basis des ersten Prinzips dim dim cheng (Punkt für Punkt als eine (abgeschlossene) Bewegung), sind die weiteren Prinzipien erst möglich. Dieses erste Prinzip, der Siu Lim Tau (Kleine Idee, erste Form), hält den Wing Chun-Praktizierenden zur Kontrolle über den eigenen Körper an, damit er isolierte stabile und abgeschlossene Bewegungen zustande bringt (vergleiche dazu den Bericht von Anica). Der Anwendungsbereich des zweiten Prinzips bo bo cheu jing beginnt, sobald der Übende mit einer anderen Person in Kontakt kommt oder zumindest der Kontakt von einem Gegenüber gesucht wird, so dass der Übende sich mit einem anderen auseinandersetzt: kurz gesagt, soll der Wing Chun-Praktizierende durch dieses zweite Prinzip der Cham Kiu (Brückenform, zweite Form) die Kontrolle über das Gegenüber erlangen und behalten. Auf der Grundlage dieser Kontrolle können dann Kontrolleinbussen des Gegenübers ausgenutzt werden, was in den Anwendungsbereich des dritten Prinzips lat sao check chugn (ist der Weg frei, stosse vor) fällt, dem Prinzip der Biu Tze (Stossende Finger, dritte Form). Diese Prinzipien sind neben ihrer Verknüpftheit, auch an weitere Voraussetzungen gebunden: Zunächst gilt es immerzu fong song, locker (stabil) zu bleiben, damit man den Körper jederzeit verändern kann: verkrampfte Muskeln und starre Positionen, die um jeden Preis gehalten werden wollen, werden durch diese Voraussetzung ausgeschlossen. Die Jung-Sein-Theorie, die Zentrallinien-Theorie, mit der zu schützenden Zentrallinien (center line) und den beiden Aussenlinien (subcenter lines), die den Wirkungsbereich, innerhalb dessen Wing Chun stattfindet, begrenzen, gilt ebenfalls jederzeit. Dann kann nur derjenige Lok Yiu Wing Chun erlernen, der seine Aufmerksamkeit nicht auf das Kämpfen ausrichtet, sondern isoliert auf seinen Körper oder in der Auseinandersetzung zusätzlich auf den Körper des Gegenübers. (Kämpfen ist ein Nebenprodukt, das sich letztendlich mitentwickelt). Eine friedseelige Haltung, die sich stets um die Perfektion der eigenen Bewegungen bei Einzelübungen und die perfekte Realisierung von Partnerübungen bemüht, wird vorausgesetzt. Bo bo cheu jing heisst übersetzt folge Schritt für Schritt dem Schatten <des Gegners> oder <des Gegenübers>. Es ist zusammengesetzt aus bo, das eine verkürzte Form von ma bo ist und übersetzt Pferdefuss, Pferdeschritt heisst, und cheu jing, was dem Schatten folgen heisst, wobei das Gegenüber zum Verständnis ergänzt werden muss. Mit bo bo ist gemeint Schritt für Schritt, wobei die Schritte die Stabilität eines Pferdeschrittes (Vierfüsser) haben sollen. Mit dem Pferde-Metapher wird eine hohe Stabilität bei der Schrittarbeit gefordert. Auch die Idee: eines nach dem anderen ist in bo bo enthalten wie auch schon in dim dim cheng. Der Schritt wird ab dem zweiten Prinzip wesentlich, weil es die einzige Möglichkeit darstellt, den eigenen Körper in der richtigen Distanz und Stellung zu einem Gegenüber zu positionieren. Das Prinzip hält den Wing Chun-Praktizierenden zur totalen Kontrolle des Gegenübers an: Man stelle sich vor, dem Gegenüber derart lückenlos zu folgen, dass der eigene auf den Boden geworfene Schatten permanent und ohne Unterbruch dem Schatten des Gegenübers folgt, also förmlich an diesem klebt. Ein Gegenüber zu kontrollieren bedeutet nun, eine Reihe von Aspekten zu beachten, die den Obergriff der Kontrolle ausmachen: Kontrolle über den anderen die Kernaussage von bo bo cheu jing baut zunächst auf der Kontrolle über sich selbst, seinen Körper und seine Bewegungen auf, also auf dem ersten Prinzip dim dim cheng. Auf dieser Basis gilt es dann ruhig und locker abzuwarten, um dem Gefühl entsprechend im richtigen Augenblick aus der richtigen Distanz stabil immer etwas schneller auf einen Impuls des Gegenübers zu reagieren: Ruhig, fong song im Geist, soll der Übende sein, um abwarten zu können, bis er einen Impuls des Gegenübers erkennt, indem er ihn unter Kontakt erspürt oder sieht ohne Kontakt, um dann während diesem Impuls im Rhythmus der Bewegungen des Gegenübers darauf zu reagieren. Das Gefühl, d.h. der Tastsinn unter Kontakt, der visuelle Sinn ohne Kontakt, lässt den Übenden erkennen, wann er sich bewegen soll; im richtigen Augenblick nämlich, also immer dann wenn ein Impuls des Gegenübers nicht mehr haltbar bleibt oder unvorteilhaft in Bezug auf das Schützen der Zentrallinie sich darstellt. Ein Impuls kann unter Kontakt irgendeine Kräfteveränderung sein oder ohne Kontakt irgendeine Kraft, die versucht auf der eigenen Zentrallinie wirksam zu werden. Stabil kann nur derjenige sein, der die richtige Distanz zum Gegenüber einhält: Ist man dem Gegenüber zu nah, werden die eigenen Position zusammengestaucht (beispielsweise ein zu spitzer Winkel beim bong sao). Ist man zu weit weg von dem anderen kann man nur mit zu ausladenden Positionen den Kontakt halten oder indem man die aufrechte Haltung des Rumpfes aufgibt beides kann nur instabil sein. Damit man die Oberhand über das Geschehen erreicht müssen die Reaktionen immer etwas schneller als die des Gegenübers ausfallen. Immer etwas schneller heisst, dass man sich dem Rhythmus der Bewegungen des Gegenübers anpasst und sich in diesem Rhythmus minim schneller bewegt. Die Übungen, die der Wing-Chun-Praktizierende erlernt, dienen dazu die Fertigkeiten einzuüben, die die oben ausgeführte Art der Kontrolle ermöglichen. Die Übungen mit ihren zahlreichen Variationen stellen die Methode dar, Wing Chun zu erlernen. Unterscheiden kann man die Übungen nach ihrem Komplexitätsgrad, aber auch nach ihrer Natur, ob unter Kontakt oder ohne Kontakt. Bei Übungen unter Kontakt besteht der Kontakt bereits und muss nicht in einem ersten Schritt kontrolliert hergestellt werden wie bei den Übungen ohne Kontakt. Der Übende beginne mit den Übungen unter Kontakt, und zwar deshalb, weil er zuerst lernen muss, wie man mit Kontakt umgehen kann und soll und wie man den Kontakt kontrolliert. Erst auf dieser Grundlage macht es dann Sinn, allmählich den Übenden mit Übungen ohne Kontakt zu konfrontieren. Dan chi sao, lap sao und chi sao sind die typischen drei Übungen unter Kontakt nach ihrem Komplexitätsgrad aufgelistet: Dan chi sao (einzeln klebende Hände) ermöglicht dem Schüler zu lernen einarmig unter permanentem Kontakt zu arbeiten. Anfangs im Stehen lässt sich die Übung durch die Schrittarbeit erweitern. Auch die anderen beiden Übungen können in ihrem Komplexitätsgrad jeweils durch die gleichzeitige Schrittarbeit erweitert werden. Im dan chi sao (klebende, pressende Hände) gibt es zunächst ausschliessich Vorwärts- und Rückwärts-schritte. Im Gegensatz zum dan chi sao kommt beim lap sao, das nun beide Arme beschäftigt, der gewendete Schritt hinzu: Einen beispielhaften Übungsablauf, den jeder Schüler im Laufe seiner Ausbildung lernt ist pak sao choing sao von x wird entgegnet mit quan sao, also gleichzeitigem bong und tan soa, von y. Anders als im lap sao, wo beide Arme an demselben Bewegungsablauf beteiligt sind, führen die beiden Arme im chi sao zwei unterschiedlich Bewegungen koordiniert zueinander aus. Am Anfang wird auf die chi-sao-Übungen hingearbeitet, um sie von da an beizubehalten: Das chi sao-Training ist ein Herzstück der Unterrichtsmethode, weil man damit lernen kann unter Kontakt verschiedenste Impuls zu kontrollieren, mit und ohne Schritt, rückwärts, vorwärts und seitwärts. Im chi sao-Training wird die kontrollierte Arbeit unter Kontakt, aber später auch das Ausnutzen von Kontrolleinbussen des Gegenübers, zur Perfektion eingeübt. Eine Übung mit der Übende seinen Tastsinn schulen kann, sei die folgende: X ist in einer lockeren jam sao-Position und kontrolliert unter sich die jam sao-Position von y. In dem Moment, wo x spürt, dass y sein jam sao in einer Halbkreisbewegung zu seinem Vorteil verändern will, beginnt x der Bewegung von y zu folgen, und zwar immer etwas schneller, so dass x am Schluss nach wie vor und wieder die Oberhand behält (wie in der Ausgangsposition). Durch diese lernt der Wing Chun-Praktizierende, Kontrolle wiederzuerlangen beziehungsweise gar nie wirklich aufzugeben, wenn das Gegenüber den Kontakt zu seinen Gunsten verändern will; gleichzeitig wird das Gefühl geschult. Typische Übungen ohne Kontakt sind Varianten des lap sao und chi sao, bei denen der Kontakt zwischendurch gelöst wird und x versucht mit einer Kraft auf der Zentrallinie von y wirksam zu werden. Diese Varianten schaffen ein mögliches Versuchsfeld, die Schwierigkeit der kontrollierten und weiter kontrollierenden Kontaktaufnahme bewältigen zu lernen. Go sao ist die anspruchsvollste Übung, die das LOK YIU WING CHUN-Unterrichtssystem kennt, weil man ohne festen Kontakt bei freier Arm- und Beinarbeit miteinander arbeitet. Go sao kann unterschiedlich frei gestaltet werden und zuletzt einem Freikampf als Übung entsprechen. Wir haben die Schwierigkeit schon angesprochen, dass man erst im fortgeschrittenen Stadium sinnvoll solche freien Übungen trainieren kann. Anders verhält es sich mit den go sao-Übungsprogrammen. Dort ist die Freiheit auf einen bestimmten Ablauf eingeschränkt. Fehler, die vermieden werden sollten, sind das Nachjagen der Hände des Gegenübers, indem man dessen Händen über die Aussenlinien hinaus folgt, aber auch verkrampfte Muskeln, die nicht locker und damit nicht agil sind. Weitere Fehler entstehen dadurch, dass man nicht richtig auf den Impuls des anderen oder nicht im Rhythmus von seinen Bewegungen reagiert: Überstürzte Bewegungen sind unkontrollierte Reaktionen auf einen Impuls des Gegenübers, den der Übende meist überrascht oder überfordert. Anstatt ruhig zu bleiben, verändert er sich, ohne sich den Rhythmus der Bewegungen des Gegenübers anzupassen (oft zu schnell). Auch einen Impuls zu verpassen ist möglich, mit der Folge, dass man entweder den Impuls noch halten konnte oder hängt, also in seiner Bewegung festgefahren ist, denn jede Bewegung stellt an irgendeinem Punkt an und/oder verliert die ihr innewohnende Stabilität, so dass sie nicht mehr gehalten werden kann. Hängt man ist es passiert dann muss man die Übung abbrechen und von vorne beginnen. Konnte man den Impuls halten, muss abgewartet werden und nicht von sich aus, ohne dass ein Impuls vom Gegenüber ausgeht, die Position verändert werden. Wenn man seine Positionen von sich ohne Impuls des Gegenübers verändert, stellt das einen weiteren Fehler dar, der oft passiert, wenn man einen Impuls verpasst hat und dann trotzdem noch reagieren will. In diesem Moment verändert man sich zu spät. Während bei den überstürzten Bewegungen zu früh, unruhig und unkontrolliert gehandelt wird, verändert man sich bei diesem Fehler zu spät, starr und oder überkontrollierend. Um die Fehler mehr und mehr zu vermeiden, sollen die Methoden nach den Prinzipien geübt werden, was im Bewusstsein des zweiten Prinzip bo bo cheu jing folgendes bedeutet: Ruhig und locker abwarten, um dem Gefühl entsprechend im richtigen Augenblick aus der richtigen Distanz stabil immer etwas schneller auf einen Impuls des Gegenübers zu reagieren Marcel Mayer |