Cham Tsang Sao Chung – Schülerseminar in Ottweiler vom 10.+11.Juni 2006
von Jochen Cavegn, Instructor I | Schule Kaufbeuren


Im Vorfeld hatte wohl kaum einer der Teilnehmer einen Schimmer davon, was sich hinter diesem Thema verbergen würde. Vielleicht lag es daran, vielleicht auch an den hochsommerlichen Temperaturen, dass „nur“ 13 Teilnehmer (3 aus Italien, 3 aus Bühl, 2 aus Köln, 1 aus Saarbrücken, 4 aus Kaufbeuren) den Weg nach Ottweiler fanden.


A) Begriffserklärung
Zu Beginn ließ uns Si-Gung in einer Diskussionsrunde klären, was die Worte unseres Themas im einzelnen bedeuten. Dass es sich um ein Wing Chun Prinzip handeln würde hatten wir bereits von unserem Si-Fu als Tipp mit auf den Weg bekommen. Aber das alleine half uns natürlich nicht weiter.

Cham: Bedeutet grundsätzlich nur „abwärts“ – kennen wir ja bereits von „Cham Sao“.

Tsang: Chinesische Bezeichnung für den Ellenbogen. (Nicht zu verwechseln mit „Sang“, Si-Gungs Si-Hing. J )

Sau: Die Bezeichnung der Chinesen für die Hand. Aber Achtung: Zur allgemeinen Verwunderung erklärte uns Si-Gung, dass der Chinese keinen Unterarm kenne. „Sau“ sei die Bezeichnung von Hand und Unterarm!

(Anmerkung: Auch der „Daumen“ existiert im Chinesischen nicht und wird namentlich behandelt wie jeder andere Finger. Und zudem kennen unsere Vorbilder in Fernost keine Worte für rechts und links. Intuitives Verhalten und/oder wilde Handzeichen tun`s ja auch – also, Vorsicht in chinesischen Krankenhäusern … und vergesst beim Aufenthalt in Hong Kong nie Euren Stadtplan im Hotelzimmer!! J)

Dadurch bekommt nun aber für den Übenden zum Beispiel auch so manche „Huen Sau“ oder „Tan Sau“ in den Übungen eine ganz neue Bedeutung – denkt man im Eifer des Gefechts nicht selten nur an das Drehen der Hand, nicht des ganzen Unterarms unter Ausnutzung dessen Kraft.

Chung: Das Zentrum – die Zentrallinie vom eigenen Körper, zugleich auf die Mitte des Körpers des Gegenübers gerichtet.


B) Übungen

1. Chi Dan Sau
Nachdem wir nach zähem Ringen wenigstens einmal die Wortbedeutung wussten ging es in die Praxis. Als einfachste Partnerübung begannen wir mit dem Chi Dan Sau. Natürlich nach all den Informationen und nachfolgenden Tipps von Si-Gung nun mehr denn je mit dem Augenmerk auf das Absenken des Ellenbogens auf das Zentrum, als Antwort auf den Handflächenstoß unseres Gegenübers.


2. Lap Sau
Hernach gingen wir zum Lap Sau über - denn auch hier versteckt sich (natürlich) das Prinzip Cham Tsang Sau Chung: Fausstoß auf das Zentrum – auch der Ellenbogen ist damit auf den Gegenüber gerichtet. Bei korrektem Bong Sau ist auch hier die Verlängerung des Ellenbogens auf das gegnerische Zentrum gerichtet. Dass die Zentrallinien der beiden Übenden für ein fruchtbares Training als allererstes exakt aufeinander ausgerichtet sein müssen, sollte deshalb also nicht vernachlässigt werden.


3. Poon Sau/Woon Sau
Mit der Überleitung auf das Prinzip Cham Tsang Sau Chung im Chi Sau kamen wir am ersten Tag noch dazu Poon Sau/Woon Sau zu üben. Speziell die Position des Arms bzw. Ellenbogens der Fook Sau mit leichtem Drang in Richtung des Zentrums des Übungspartners stand im Mittelpunkt.

Achtung: Angesichts unserer gut gemeinten, aber oftmals sehr verkrampften Versuche unsere Ellenbögen immer weit nach innen auf unser Zentrum zu nehmen betonte Si-Gung, dass dies rein körperlich auch dem beweglichsten Kung Fu – Ausübendem – auch ihm selbst - unmöglich ist. Dies wird zwar im Laufe der Jahre immer besser, aber nie perfekt. Deshalb ist es bei allem Bemühen um Stabilität durchaus wichtig, schnell und deshalb natürlich möglichst locker von einer (stabilen) Position in die nächste zu wechseln um die Phase der eigenen Instabilität, und damit „Angreifbarkeit“, möglichst kurz zu halten.


4. Kwan Sau / Cham Sau
Am zweiten Tag starteten wir mit Kwan Sau – Excercise. Aus dem gewendeten Kwan Sau mit doppeltem Cham Sau (die hintere Hand auf Höhe des Ellenbogens der vorderen, Hand und Finger schräg nach vorne oben gerichtet) auf die Mitte (45°) wenden. Eine exakte Ausführung mit beiden Handgelenken auf der Zentrallinie, in richtiger Höhe und mit der Wendung auf den Punkt gebracht war nun wieder eine echte Herausforderung.


5. Kwan Sau / Cham Sau - Partnerübung
Aus dieser Einstiegsübung entwickelte sich eine Partnerübung: Ein hoher Angriff von außen wurde mit Kwan Sau und Wendung gestoppt. Der nun folgende zweite, tiefe Faustangriff sollte anschliessend mit einem dem Prinzip folgendem Absenken des Kwan Sau zu Doppel-Cham, und angesichts des Vorwärtsdranges des Angreifers, einem gleichzeitigen Rückwärtsschritt neutralisiert werden.


6. Chi Sau – weiterführende Übung
Zu guter Letzt widmeten wir uns noch dem vortags bereits mit Poon Sau / Woon Sau angeübtem Chi Sau. Aus der Grundstellung Fook Sau/Tan Sau (1) bzw. Bong Sau/Fook Sau (2) pusht Partner (1) mit Fook Sau + Fauststoß. Im zweiten Schritt neutralisierte Partner (2) rückwärtgehend mit Cham Sau (ähnlich dem Handflächenstoß/Cham Sau im Chi Dan Sau - Programm). Als dritten Schritt ging schliesslich Partner (2) mit der Cham Sau Hand als Fauststoß (ähnlich Chi Dan Sau) zum Zentrum von Partner (1), welcher schliesslich mit Bong Sau und dem nötigen Vorwärtdrang des Ellenbogens zum Zentrum von (2) den Angriff schon im Ansatz stoppt oder, bei größerer Kraft des Gegenübers, seitlich umlenkt, ohne selbst aus der Balance zu geraten.


C) Resumée

Das Prinzip Cham Tsang Sau Chung steckt in vielen Übungen die wir bereits merh oder weniger lange praktizieren. Sich immer wieder der Stellung des Ellenbogens zum Zentrum des Gegenübers bewusst zu machen ist dennoch eine neue Herausforderung, kommt es erfahrungsgemäß nur zu leicht vor, dass man entweder in diesem Punkt nachlässig wird oder die diesbezügliche „Anweisung“ seines Si-Fus nicht ernst genug nimmt. Wieviel Kraft und Stabilität von einem „korrekt“ platzierten, „abwärts“ („Cham“) bewegtem Ellenbogen („Tsang“) und Unterarm („Sau“) mit einer gleichzeitigen Ausrichtung dessen Vorwärtdrangs auf das Zentrum („Chung“) des Übungspartners ausgeht kann man am eigenen Leib spüren. Ein wenig Geduld ist natürlich schon nötig. Jedenfalls gilt dieses Prinzip nicht nur im Chi Sau oder Chi Dan Sau – also den typischen Übungen für Gefühl und Stabilität. Es kann und muß, wie Si-Gung betonte, gerade auch in Übungen wie Sat San Choy, Kwan Sau/Cham Sau - ja, ich befürchte wohl in eine Vielzahl von Übungen im Lok Yiu Wing Chun - vom Trainierenden sorgfältig einbezogen werden.

Wir Schüler waren uns einig, dass wir hier in Ottweiler von Si-Gung in rund acht Stunden erneut einen interessanten und motivierenden Einblick in das Lok Yiu Wing Chun vermittelt bekamen. Unser Dank an Si-Gung für die lustige, gelöste und dennoch sehr produktive Atmosphäre und seine Geduld mit uns. Wir freuen uns auf das nächste Mal … auch ohne einen Abend auf dem sensationellen Ottweiler Stadtfest! J

Jochen Cavegn, Instructor I
Schule Kaufbeuren