| Distanz und Gefühl im Wing Chun, Seminar in Ottweiler vom 1. + 2. Juli 2006 Anica Möhricke, Köln und Manfred Fuchs, Wiebelskirchen Auch dieses Wochenende fanden zahlreiche Wing Chun-Interessierte aus Deutschland, Italien und der Schweiz den Weg nach Ottweiler, um am dortigen Seminar teilzunehmen. Dieses Mal stand das Seminar unter dem Thema: Distanz und Gefühl im Wing Chun. Wir sollten zum Einen einen Einblick dahingehend bekommen, welche Bedeutung der Distanz und dem Gefühl zukommt, zum Anderen wie und mit welchem Exercise dieses Gefühl am besten entwickelt werden kann. Si-Gung erklärte uns, dass es für einen Wing Chun-Praktizierenden, welcher gerade am Anfang steht, besonders wichtig ist, das Geschehen mit dem Auge wahrzunehmen und auf diese Weise sämtliche Bewegungen des Gegenübers zu erkennen und zu bewerten, um entsprechend reagieren zu können. Erst im Laufe der Zeit entwickelt sich ein Gefühl, Informationen des anderen über den taktilen Sinn aufzunehmen und so mit dem Druck bzw. mit der Power umgehen zu können. Dementsprechend ist es für den Übenden von besonderer Bedeutung, sich während des Exercise auf die Bewegungen zu konzentrieren und nicht in der Weltgeschichte rumzugucken. In einer kleinen Partnerübung versuchten wir ein Gefühl dafür zu entwickeln, auf den Druck oder den Zug des Gegenübers zu reagieren, aber dennoch die richtige Distanz zu wahren. Hierzu stand man sich mit seinem Partner gegenüber. Kontakt stellte man durch das gegenseitige Fassen an den Händen her. Die Arme waren hierbei gestreckt und zum Boden gerichtet. Während einer durch ganze oder halbe Vorwärts- bzw. Rückwärtsschritte die Übung führte, musste der Partner die Bewegungsrichtungen erkennen und diesen entsprechend folgen. Die Arme blieben während der gesamten Übung gestreckt. Anschließend demonstrierte unser Si-Fu / Si-Gung einen Bewegungsablauf mit Partner, der im Folgenden auszugsweise skizziert wird und den wir dann nachmachen sollten. Die Übung kann wie folgt beschrieben werden: Ein Trainingpartner stößt mit der rechten Faust. Die Abwehr erfolgt, indem der "Gegner" einen Schritt mit dem rechten Fuß zurücksetzt, um dann mit dem rechtem Pak Sau und leichter Wendung den Fauststoß außer Reichweite zu bekommen. Die Wendung führt dazu, dass man sich nicht mehr in der Stoßrichtung des Trainingspartners befindet und sein Zentrum verschiebt. Somit sind der Schritt zurück und die Wendung die eigentliche Abwehr! Es folgt vom Angreifer ein weiterer linker Fauststoß; wieder wird aus der nun leicht gewendeten Position ein Schritt nach hinten gesetzt, allerdings nun mit dem linken Bein. Der rechte Fuß wird auch ein wenig zurückgesetzt. Dies führt ebenso zur Verschiebung der Reichweitendistanz, gefolgt von einem linken Pak Sau, dicht am Körper ausgeführt und dann unmittelbar gefolgt vom rechten Faak Sau in die Halsgegend. Das Zusammenspiel von Angriff durch Fauststoß und Abwehr durch ausweichenden Rückwärtsschritt, um aus der Reichweite des Angreifers zu gelangen, verbunden mit anschließender Wendung ist allerdings nur wirksam, wenn sich beide Trainingspartner auch tatsächlich bewegen und nicht nur "die Ärmchen strecken" etc.! Schon bei dieser doch zunächst leicht anmutenden Bewegungsfolge, stellten sich nicht geahnte Schwierigkeiten ein. Die Übung wird im Rollentausch fortgesetzt und mit Fußtritt und Fußtrittabwehr ausgebaut. Bei den jeweiligen Teilbewegungen dieser Übung gab uns Si-Gung immer wieder hilfreiche Tipps und Ideen, um sie besser ausführen zu können. So ist es Grundvoraussetzung bei einem Rückwärtsschritt erst einen festen Stand und daraus resultierend eigene Stabilität zu erlangen und anschließend auf die Bewegung des Gegenübers zu reagieren. Denn die Kontrolle über den eigenen Körper ermöglicht erst die Kontrolle über den Partner. Erfolgt bereits in der Rückwärtsbewegung eine Gegenreaktion, kann es passieren, dass aufgrund der Power des Gegenübers die eigene Balance gebrochen wird. Ob man die richtige Distanz geschaffen hat, lässt sich prüfen, in dem man den Arm auf der dem Partner zugewandten Seite streckt und diesen erreicht. Am zweiten Tag wiederholten wir in Kurzform das Exercise vom Samstag. Eine andere, abschließende Übung, die uns Si-Gung vorgab, sollte nicht nur das Gefühl und die Distanz, sondern auch die Koordination der Arme und Beine schulen. Auch hierzu stand man sich mit seinen Partner gegenüber. Auf einer Seite stellte man an den Unterarmen den Kontakt her. Der Arm war im Ellbogen gebeugt, die Faust zeigte nach oben. Durch eine Kreisbewegung des Armes aus der Schulter heraus und gleichzeitigem Beibehalten des Kontaktes, wechselte nun derjenige, welcher die Innenposition hatte, nach außen. Der Partner gab anschließend einen leichten Druck nach außen, so dass man diesen ausnutzte und anschließend wieder durch kurzes Lösen des Kontaktes nach innen wechselte. Später wurden die Armbewegungen mit Vorwärts- und Rückwärtsschritten kombiniert. Eine weitere Möglichkeit die Koordination der Arme zu schulen sah so aus, dass die Übungspartner diesmal beidseitig Kontakt an den Unterarmen herstellten und die Kreisbewegungen gegenläufig ausführten. Wie immer war das Seminar sehr lehrreich und motivierend. Dank der von Si-Fu / Si-Gung Wilhelm Blech gezeigten Beispiele und Erklärungen konnten wir eine Ahnung von der Idee einer Distanz im Wing Chun bekommen und vor allem viele wertvolle Übungen, die uns über viele Jahre begleiten werden. Beeindruckend waren besonders die lockere und freundliche Stimmung sowie die Umgangsart bei allen Teilnehmern. Dank gilt auch den beiden Assistenten Stefano und Alberto aus Italien. |