EINE FRAGE DES GLEICHGEWICHTES – Instructor II Prüfungsarbeit
Si-Fu Paddy Rubin, Schüler von Si-Fu Dario Grasso St.Gallen

Durch das Training und Unterrichten der letzten drei bis vier Jahre konnte ich meine Erfahrungen etwas ausweiten. Es sind einige neue Aspekte zu meinem Verständnis für Wing Chun dazugekommen, wovon ich versuche einen hier zu Papier zu bringen. Mittlerweile verstehe ich auch die unbedingte Notwendigkeit einer guten Basis, durch welche es erst ermöglicht wird, Ideen und Prinzipien zu verstehen, auszubauen und weiterzuentwickeln. Dies fällt mir sowohl an mir selbst als auch mit der Arbeit an meinen Schülern auf.

Vorallem durch das Training der Cham Kiu und von Chi Sao kann ich rückblickend sagen, was sich am verändern ist. zu Beginn der Chum Kiu Übungen hatte ich eine leise theoretische Ahnung, dass es unter anderem um das Entwickeln des Gung geht. Immer wieder musste ich korrigiert werden, keine Kraft in meine Bewegungen zu geben, da ich die Idee hatte, genau daran zu arbeiten. Schnell wurde mir klar, dass dies auch jetzt noch nur durch lockeres, dennoch stabiles Bewegen möglich ist. Mit der Zeit begann ich zu begreifen, wie das zu verstehen ist (für den jetztigen Moment, wenigstens). Zur Basisausbildung (Siu Lim Tao) kommen beim üben der Chum Kiu einige bewegungstechnische Punkte hinzu. Erstmals musste ich mich mit zwei gleichzeitigen, aber unterschiedlichen Bewegungen der Arme auseinandersetzen. Ok, mit Sat San Choi und SLT-Anwendungen in Solo-Exercise, Lap Sao und Chi Sao musste ich mich vorher schon beschäftigen. Trotzdem kann ich sagen, dass ich vorallem Sat San Choi und Lap Sao Exercise erst durch das Erlernen der Chum Kiu zu verstehen begann. Durch das Training der letzten Jahre habe ich erstmals ein Verständnis für den Rythmus in den Bewegungen erfahren. Zuvor war dies eine rein theoretische Sache, an welcher ich arbeitete, ohne zu fühlen wesshalb.

in meinem Notizbuch habe ich mir einmal folgendes notiert:
"Zwei gleichzeitige, unterschiedliche Bewegungen stellen ein Gleichgewicht her, welches Stabilität, Gung oder Druck erzeugt und kontorlliert."
Hierzu habe ich immer wieder versucht für mich selbst Beispiele zu finden. Erstaunlicherweise konnte ich diesen Gedanken in sehr vielen Bewegungen und Übungen wiederfinden. Ob nun mit Partner oder solo, ob frei (Go Sao) oder in einem bestimmten Ablauf. Nur zwei Beispiele, wo mir dies als erstes aufgefallen ist:
Die Stabilität im Körper beim Ausführen eines Fauststosses scheint mir um ein vielfaches höher zu sein, wenn man eine Wendung dazu macht und den anderen Arm zurückzieht (Sat San Choi). Würde ich nur mit einem Arm arbeiten, hätte ich das Gefühl, dass das "Gegengewicht" (wenn man überhaupt Worte dafür verwenden kann) komplett fehlt. Dasselbe unterstützt eine Wendung, wenn sie im richtigen Rythmus ausgeführt wird. Soviel zu einer Erkenntnis über "Rythmus in der Bewegung".
Ein weiteres mal ist mir dies aufgefallen, als wir an einer Chi Sao Exercise arbeiteten. Ich sollte versuchen, bei einer Pak-Chiong Bewegung des Trainingspartners einen "stoppenden" Kwan (vorallem Bong-) Sao zu machen. Also nicht zu sehr der ankommenden Kraft nachzugeben, sondern diese schon im Ansatz versuchen zu kontorllieren. Erst als ich den Tipp erhalten habe, meinen vorderen Fuss (Balance-Bein) ein kleines Stück nachzuziehen, spürte ich eine Stabilität in meiner Technik, welche es mir ermöglichte die ankommende Kraft aufzuheben. Dies ohne mit meinem Bong Sao gegenzudrücken.

mir ist sehr wohl bewusst, dass meine Ideen und Gedanken sich ständig verändern und erweitern müssen. dennoch, dieser Gedanke hat mir sehr geholfen, ein Gefühl der Stabilität im Körper und den Bewegungen zu kriegen und trotzdem "fong song" zu arbeiten. Diese Idee habe ich mir mit den Worten "Gleichgewicht herstellen" hinter die Ohren geschrieben.