Reise nach Hong Kong (im Oktober 2006)
von Pädi Heller mit Roli Kos und Umberto Boni

Einleitung
Endlich ist es soweit: Wir Drei Gwailos aus der Schweiz dürfen während 10 Tagen Hong Kong Luft schnuppern. Von unseren Si-Fu's und Si-Hings wurden wir natürlich schon eingestimmt und meinten zu wissen was uns erwarten würde. Die Vorstellung, solange mit Si-Gung (W. Blech) und unseren Si-Ba-Gung’s (Lok Keng Sang und Lok Keng Kwong) Zeit zu verbringen, ist alles andere als gewöhnlich. Was wir tatsächlich erlebten und wie es uns verändert hat, wollen wir in folgendem Bericht niederschreiben.

1. Tag (Ankunft in Hong Kong)
Müde vom Flug aber angespannt und voller Tatendrang verlassen wir den Flughafen in Richtung Hong Kong. Aus dem Bus blicken wir auf riesige Hochhäuser und weite Landschaften. Die ersten Fotos sind schnell gemacht. Angesichts der Wohnlage dieser Menschen, bekommt man ein wenig Mitleid. Solche Anonymität sind wir uns nicht gewohnt. Ebenso wird uns der tiefe Lebensstandard der meisten in Hong Kong lebenden Chinesen eindrücklich vor Augen geführt. Nach ca. einer halben Stunde heisst es aussteigen an der Kimberley Road. Mit unseren Koffern kämpfen wir uns durch die vollen Strassen. Unser Si-Fu und Si-Hing der den Weg kennt, legt ein Tempo vor, das wir fast den Anschluss verlieren. Rückwirkend wird uns klar, dass es hier nur ein Tempo gibt und das heisst «faidi faidi». Vor unserem Hotel dem Junking Mansion bleiben wir inmitten von Pakistanischen, Schwarzafrikanischen und Indischen Händlern erstmal stehen. Sorry, wir brauchen keine Copy Watch, keine Massagi (noch nicht), usw. Wir möchten WING CHUN!

2. Tag (Treffen mit der Familie Lok )
Am Abend folgen wir unserem Si-Gung, der sich mit der Familie Lok zum Essen verabredet hat. Wir sind nervös, da wir sie bald zum ersten Mal persönlich erleben werden. Kaum zu glauben, dass sich in diesem riesigen Plog aus Menschen solch grosse Persönlichkeiten befinden. Immerhin handelt es sich um die Söhne von Lok Yiu, dem Wing Chun Meister. Einen Augenblick später begrüsst Si-Gung seinen Si-Hing Lok Keng Kwong, der uns daraufhin mit einem Händedruck willkommen heisst. Es fällt auf, dass Lok Keng Kwong eine Ruhe und Autorität ausstrahlt, die ihn deutlich von den übrigen Leuten unterscheidet. Im Hong Konger Police Departement angekommen, werden wir von den Polizisten am Eingang hereingebeten. Das riesige Gebäude ist aussen wie innen sehr stilvoll gemacht. Im Police-Restaurant ziehen wir neugierige Blicke auf uns. Vermutlich kommen nicht jeden Tag Gwailos in solcher Begleitung zum Essen. Kurze Zeit später findet sich auch Lok Keng Sang mit seiner Familie und Beni der Übersetzer am runden Tisch ein. Hätten wir da schon gewusst wie viele Gänge ein solches Abendessen hat, hätten wir uns bei der „Vorspeise“ ein wenig zurückgehalten. Da wir aber eingeladen worden sind, und das Essen vorzüglich schmeckte, liessen wir nicht einmal die Entenfüsse aus. Während dem Essen bekommen wir die Herzlichkeit der Familie Lok zu ihrem Si-Dai mit. Mann könnte denken, dass Si-Gung ein Familienmitglied ist und wir... ebenfalls. Zu diesem Zeitpunkt haben wir noch nicht begriffen, was Wing Chun überhaupt alles bedeutet. Voller Freude über dieses gelungene kennen lernen, konnten wir unser erstes Training kaum erwarten.

3. Tag (1. Training)
Nachdem wir Schweisstücher, Wasser und Früchte gekauft hatten, stehen wir endlich vor der Türe des Trainingsraums. Der Raum, in dem Meister Lok Yiu . 45 Jahre lang unterrichtet hat, der Raum wo Yip Man seinen To-Dai immer besuchte, der Raum in dem wir gleich unser Wing Chun zum besten geben. Lok Keng Kwong bittet uns herein, wir ziehen uns um und beginnen mit Siu Lim Tau.
Auch Lok Keng Sang ist eingetroffen. Vor uns steht die Holzpuppe, aus dem Fenster im 8. Stock dröhnt der Lärm der Strasse. Das Feeling ist unbeschreiblich. Nach der SLT machen wir solo Exercise (Tan Sau, Gang Sau, Sat San Choi, Kwan Sau). Unsere Si-Ba-Gung’s helfen uns so lange bei den Feinheiten, bis wir ein «OK-la» oder ein kurzes «Good» hören. Hier ein bisschen Höher, da ein bisschen mehr Gung, wir drei schleifen an den ersten Bewegungen der «kleinen» Idee. Danach holt Lok Keng Sang einen von uns zum Chi Sau, danach Chi Sau Steps und Go Sau. Man muss erwähnen, dass sich Sang und Kwong jeweils auf den Partner und sein Niveau eingestellt haben. Wir hören heute noch Si-Gung wie er sagt: «Der merkt bestimmt nicht das er immer getroffen wird». Tatsächlich kam meistens eine Reaktion erst auf den dritten Fauststoss, den ersten hat man gar nicht gesehen. Lok Yiu’s Söhne haben sich sehr viel Mühe mit uns gegeben und waren stets bemüht uns nicht zu überfordern. Über unseren Köpfen kreisten drei Ventilatoren, die uns wenigstens ein bisschen Abkühlung verschafften. Trotzdem mussten wir einsehen, dass das tragen von T-Shirts keinen Sinn macht – also weg damit. In der Pause hat uns Si-Mo mit Früchten neue Energie verschafft und wir hatten Zeit um Fragen zu stellen.

4. Tag (2. Training)
Konzentriert und angagiert versuchen wir unsere Bewegungen so perfekt als möglich zu gestalten. Während wir uns mit der Siu Lim Tau beschäftigen, üben die Fortgeschrittenen Cham Kiu und Biu Tze. Sang und Kwong machen mit uns Lap Sau und Chi Sau. Doch kein Stand ist ihnen tief genug und so werden wir immer wieder nach unten korrigiert; aussergewöhnlich ist auch, dass der von ihnen ausgehende Druck zusätzlich auf die Hüfte und die Beine drückte. Wichtig ist, dass dieser Druck nicht durch ein übermässiges Puschen, sondern «siu siu» (beidseitiger gleichmässiger Druck) entsteht. Verständlicherweise wahren wir Si-Gung dann nicht böse als er uns zu einer Pause aufforderte. Während wir uns ausruhten, führten unsere Si-Ba-Gung's ihr Go Sau vor. Was wir sahen, war das Ergebnis aus jahrelangem intensiven Training wofür es eigentlich keine Worte gibt. Uns wird erklärt, das Wing Chun nur erlernt werden kann, wenn man nicht ans fighten denkt. Es geht darum mit seinem Gegenüber zu üben und an seinem Feeling zu arbeiten, miteinander und nicht gegeneinander. Je mehr Exercise man auch mit Anfängern macht desto besser wird das eigene Wing Chun. Um uns nochmal zu zeigen was damit gemeint ist, schauen wir Si-Gung beim Go Sau mit seinem Si-Hing zu. Auf die Frage welches den das wichtigste Prinzip im Wing Chun ist (Dim Dim Cheng, Lat Sau Check Chun, Bo Bo Jeu Jing, etc.) erhalten wir die Antwort das das Wichtigste überhaupt die Basis ist, sprich die Siu Lim Tau. Wenn diese «kleine» Idee nicht solide und beharrlich geübt wird, wird alles andere zwangsläufig keinen Bestand haben.

5.Tag (Besuch bei der VTAA)
Nach dem Training besuchen wir die VTAA, machen ein paar Fotos und gucken den Leuten zu. Yip Ching (Sohn von Yip Man) erscheint nach unserem Eintreffen. Wir gehen wieder. Es war schön den Leuten bei ihrem Training zu zu sehen.

6. Tag (Training bei der Polizeiklasse)
Heute erhalten wir die Möglichkeit mit der Wing Chun Klasse der Hong Konger Polizei zu trainieren, die ihren Unterricht auch von Meister Lok's Söhnen erhalten. Nach ca. eineinhalb Stunden Training begeben wir uns zum Policedepartment und fangen nochmals von vorne mit Siu Lim Tau an. Danach werden wir aufgefordert mit unseren chinesischen Freunden Lap Sau, Lap Sau Exercise zu üben. Schnell finden wir den Draht zu ihnen und stellen fest, das wir dieselbe Sprache sprechen. Als wir uns genug beschnuppert haben machen wir freies Chi Sau – Go Sau. Auch das klappt wunderbar und wir wissen, dass wir dank unserem harten Training auf dem richtigen Weg sind. An dieser Stelle müssen wir Si-Gung besonders Danken für seine Arbeit, uns das Wing Chun im Sinne seines Si-Fu's Lok Yiu zu vermitteln. Wir wissen das sehr zu schätzen!! Mit der Familie Lok und SI-Hing Benny (unser Übersetzer) geht’s anschliessend zum Essen.

7. Tag (Training mit der Wing Chun Klasse von Meister Lok Keng Sang und Meister Lok Keng Kwong)
Einzelne Gesichter kennen wir aus der Polizei Klasse, einige neue sind dazugekommen. Das Alter schwankt von 5 Jahren bis ca. 55 Jahren. Sämtliche HK Schüler sind entweder Freunde oder Bekannte der Familie. Einige Trainieren, andere unterhalten sich. Für unsere Verhältnisse undenkbar, dass einer ohne Grund sein Training unterbricht, denn er hat fürs Trainieren bezahlt. Wir erfahren, dass es im Wing Chun, so wie es Si-Gung von Lok Yiu und dieser von Yip Man gelernt hat, Geld keine Rolle spielt. Egal ob einer 10'000.00€ auf den Tisch legt, oder ob einer eine gebrauchte Zeitung zum Unterricht mitbringt (weil er nicht mehr hat); entscheidend ist das Verhältnis zwischen Si-Fu und To-Dai. Nur wer sich anfangs sympatisch ist erhält überhaupt die Chance zu lernen. Nur wenn sich eine tiefe Freundschaft und Vertrauen entwickelt, ist Wing Chun erlernbar. Alles wird in der Familie bewahrt und weitergegeben. Dies erklärt auch, dass weniger als eine Hand voll von Yip Man persönlich unterrichtet wurden und es diese verschiedenen Interpretationen des Wing Chun gibt. Zurück zum Training mit dem Sohn von Lok Keng Sang. Interessant war dieser Vergleich mit ihm, da er wie wir auch kurz vor Beginn der Cham Kiu steht. Wir stellen fest, dass dieser bereits ein Körpergefühl, Motorik, Feeling und einen Sinn für Details hat, das es nur so kracht. Sang und Kwong teilten uns mit, das sie sich damals nicht immer freiwillig fürs Wing Chun entschieden haben. Es jedoch nur den einen Weg gibt und der lautet: Es richtig zu machen. Uns wird bewusst, dass wir um auf das Niveau von Si-Gung und der Familie Lok zu kommen, 24 h täglich Exercise machen müssten.

8. Tag (Holzpuppe, Langstock)
Im letzten Training kommen wir in den Genuss zweier Vorführungen der besonderen Art. Meister Lok Keng Sang führt uns ein paar Bewegungen an der Holzpuppe vor. Interessant an dieser Holzpuppe ist das Bein, das von Lok Yiu und seinem Sohn im Wald gefunden wurde. Noch heute haben wir den Lärm in den Ohren, der durch die Kick's von Sang entstanden ist. Obwohl wir nichts sagten, haben wir uns wohl alle dasselbe gefragt: Was, wenn das ein echtes Bein währe... Anschliessend führt Meister Kwong sein liebstes Trainingsgerät vor, den Langstock. Unglaublich mit welcher Präzision und mit welcher Power der Stock bewegt wird, wie von einer Maschine. Das mit diesem Stock schon etliche Jahre fleissig geübt wurde, zeigen die Löcher am Stockende. Einige von uns wurden aufgefordert die ersten Bewegungen einmal auszuführen, was ihnen sichtlich Spass gemacht hat. Wann bekommt man schon mal einen Stock in die Hand, mit dem schon Großmeister Yip Man und Meister Lok Yiu trainiert haben? Aber auch die schönsten Momente gehen vorüber und so sind wir am Ende unseres Hong Kong Trainings. Mit Widerwillen, traurig aber motiviert verlassen wir den «mystischen» Trainingsraum.

9. Tag (Geburtstag von Meister Lok Yiu)
Si-Gung hat einmal zu seinem Si-Fu Lok Yiu gesagt: auch wenn du mir nicht mehr zeigst als die Siu Lim Tau, werde ich jedes Jahr zu deinem Geburtstag kommen. Die Bedeutung dieser Worte zeigt auf, welchen Stellenwert Sein Si-Fu bei seinem To-Dai genoss. Meinem Si-Gung wurde das ganze System gezeigt und trotzdem wird der Geburtstag von Meister Lok Yiu gefeiert. Leider ist Meister Lok Yiu Fun am 26. 02. 2006 verstorben. Heute am 22. 10. 2006 feiern und gedenken wir diesem grossartigen Menschen. Für uns eine grosse Ehre, dass wir mit Si-Mo, Lok Keng Kwong, Si-Gung und Benny ans Grab von Lok Yiu durften. Obwohl wir Drei ihn nie persönlich kennen gelernt haben, hat uns die kleine Zeremonie tief berührt. Wir freuen uns auch über den schönen Grabstein mit der wunderbaren Aussicht. Insgesamt verlief die Feier sehr einfach aber von hoher Qualität, so wie das Lok Yiu Wing Chun ist.

Abschied von der Familie
Am Abend gehen wir mit der ganzen Familie Lok bei der Hong Konger Polizei Essen. Diesmal laden wir ein. Bei der Gelegenheit überreichen wir den Kindern die mitgebrachte Schweizer Schokolade. Unsere lieben Vegetarier aus Italien überlassen uns mal wieder den guten Fisch und das Fleisch. Paddy führt seine im Cyber gelernten Zauberstücke vor, es herrscht eine super Atmosphäre und es wird viel gelacht...

Schlusswort
Wir möchten uns bei allen mitgereisten Schülern (Swonko, Anika, Stefano, Alberto, Paddy) herzlich für die super Zeit bedanken, insbesondere für die Lehrreichen Kung Fu Lektionen und die schönen Ausflüge. Einen ganz spezielles Dankeschön an Si-Gung/Si-Tai-Gung der uns das alles ermöglicht hat (Hoffentlich haben wir dich nicht zu viel mit unseren Fragen genervt). Obwohl dieser Bericht schwerpunktmässig von Wing Chun handelt, konnten auch sämtliche anderen Bedürfnisse gestillt werden. Die Zeit war in allen Belangen sehr intensiv und wir haben viel über uns und das Wing Chun gelernt und nachgedacht. Si-Gung/Si-Tai-Gung der uns immer wieder einen Spiegel vorgehalten hat und uns mit seiner beispiellosen Art immer wieder etwas vermittelte.

Roli, Umbi, Pädi (Schüler der Schulen St.Gallen und Rorschach)