LAT SAO CHECK CHUN

Die Chinesische Schrift:

Die Chinesische Schrift lässt sich bis in die Bronzezeit, die bis ins 2. Jahrtausend vor Chr. zurückgeht, zurückverfolgen. Damit gehört die chinesische Schrift zu den ältesten Schriften der Welt, die heute noch verwendet werden.

Ursprünglich war die chinesische Schrift eine Bilderschrift. Jedes Symbol stand für ein Wort und hatte nur eine Silbe. Im Laufe der Zeit entstanden durch Zusammenfassen von Symbolen immer komplexere Wörter.

Langsam entwickelten sich die Zeichen, wie wir sie heute kennen. In der Kalligraphie, die in China seit Anfang des 3. Jahrhunderts ausgeübt wird, wurde die Schrift zur Kunst erhoben.

Chinesischen Zeichen passen immer in kleine gedachte Kästchen hinein, daher kann man sich für jedes Zeichen ein Kästchen denken. Bei komplexen Begriffen wie z.b. „Glück“ oder „Frieden“ besteht ein Zeichen aus verschiedenen Teilen. Diese können neben- oder untereinander stehen, müssen aber alle in das gedachte Kästchen passen. Einige Wörter sind so komplex, dass man dafür mehr als ein Zeichen benötigt.

Hier z.b. die beiden Zeichen für Wing Chun:



1958 führte China die Umschrift "Pinyin" ein. Ursprüngliches Ziel war es, dem Analphabetentum im Land beizukommen. Inzwischen hat Pinyin fast alle anderen Systeme verdrängt, obwohl die Aussprachregeln dieser Lautumschrift auch erst gelernt werden müssen. Pinyin ist darüber hinaus eine sehr effektive Methode für die Eingabe chinesischer Zeichen in den Computer.


Wing Chun Prinzipien und Kampfkunstlieder

Um dem Kampkunstschüler Anleitung und Grundlagen für sein Studium zu geben, und um das Wissen der Prinzipien und Ideen der jeweiligen Kampfkunst zu sichern, wurden Sprichwörter und Kampfkunstlieder gelehrt und vermittelt.

Mit diesen Sprüchen konnten viele Wing Chun - Weisheiten etlicher Meister bis in die Neuzeit überdauern. Diese „Kampflieder“ oder „Kampfsprüche“ nennt man auf kantonesisch „Kuen Kuit“.

Kampfkunstlieder oder Sprüche gab und gibt es in den verschiedensten Wushu Stilen.
Viele der alten Lieder oder Sprüche sind heute noch in verschiedensten Wing Chun Stilen zu finden. Einige der Sprüche stammen aus dem Ideenschatz von Sunzis „Die Kunst des Krieges“, andere aus allgemeingebräuchlichen und vernünftigen Konzepten.

Zum Beispiel ist der Spruch „Dik Bat Dung Ngo Bat Dung; Dik Dung Ngo Dung Sin“ (meist übersetzt mit: „Gegner geht nicht - ich gehe nicht; Gegner geht - ich gehe zuerst“) welchen man in einigen Wushu Stilen hört, kein kampfkunstspezifischer Ausdruck, sondern wird von Chinesen bei vielen Begebenheiten benutzt. Zum Beispiel bei Geschäftsbesprechungen oder beim Pokern.

Einige Lieder und Sprüche stammen aus dem Tai Chi, dem XinYiQuan, dem Baquaquan und anderen alten Kampfkünsten, die die Geschichte der Kampfkunst in China prägten.

Meister Moy Yat hat die Geschichte des Wing Chun und verschiedenste Kuen Kuits Zusammengetragen und auf 51 Steinen verewigt. Seit 1995 sind diese Steine der Öffentlichkeit zugänglich.



Moy Yat selbst sagt über die Kuen Kuits: „Es war während der Ching Dynastie, als viele der Sprüche Teil des Geheimen Kodes und der Ritualwelt waren, die von den Rebellen entwickelt wurden um die Manchu Regierung zu Fall zu bringen.“


Lat Sau Check Chun und seine Bedeutung

Eine sehr wichtiges Prinzip des Lok Yiu Wing Chun ist das "Lat Sau Check Chun". Meist hört man es in der Reimform „Loy Lau Hui Sung, Lat Sau Check Chun“, wobei der erste Teil meist übersetzt wird mit „was kommt, wird kontrolliert, was zurückgeht, dem folge ich“.
(siehe: www.lomankam.org/1301kuit.html)

Lo Man Kam, der Neffe von Yip Man hat eine Übersicht von verschiedenen Ideen erstellt wovon uns nun nur die mit der roten 2 markierten Spalte interessiert:



Seine Übersetzung aus dem Chinesischen zu Punkt 2 "Lai Liu Qu Song, Shuai Shou Zhi Chong" lautet: “Come Keep Leave Escort, Drop Hand Straight Charge“

Betrachten wir nur den zweite Teil der Übersetzung der "Shuai Shou Zhi Chong" lautet und soviel wie „Drop Hand Straight Charge“ bedeuten soll.

„Shuai“ im kantonesischen „Lat“ wird im Web mit „throw away“ (wegwerfen) und „discard“ (verwerfen,wegwerfen...) übersetzt, kann aber auch „teilen“ bedeuten.

Das Symbol für Sau (kantonesisch) ist dasselbe wie in „Bong Sau“ und hat somit die gleichen Bedeutungsmöglichkeiten. Es kann „Hand“, manchmal sogar „Arm“ oder „Energie“ bedeuten.

Das „Jik“ im kantonesischen bzw. „Zhi“ im Pinyin wird im Web mit „straight“ (gerade), „erect“ (aufrichten) und „vertical“ übersetzt.

Das Symbol was „Chun“ im kantonesischen und „Chon“ im Pinyin ausgesprochen wird, wird im Internet übersetzt mit „rush against“ (wörtlich: hasten gegen) und „charge ahead“ (wörtlich: rennen sie vor). Wie man sieht, hat das Chinesische Zeichen von „Chun“ keine Ähnlichkeit mit dem „Chun“ in „Wing Chun“.

Die Webseite von Rene Richi einem Autor vieler Wing Chun Bücher beschreibt das Prinzip wie folgt:

Lut Sao Jik Jong (Shuai Shou Zhi Chong) breaks down as follows: Lut represents a derivative of ' use' to suggest 'disposal' and means 'to throw off, leave behind, or set free'; Sao represents 'the hand' and is extended to 'the arm'; Jik represents 'ten eyes seeing nothing hidden', and means 'straight forward'; Jong represents 'serious marching' and means 'to charge, or thrust'. Together, they mean 'the free hand charges straight forward'.

Wir können also zusammen:
Throw away/divide – hand/arm/energie - straight/quick – charge ahead

Das Ganze könnte man dann übersetzen mit „freie, teilende Hand/Arm direkt und schnell vorstoßen. Soweit die wörtliche Übersetzung. Wichtiger ist jedoch was uns der/die Urherber dieser Idee vermitteln wollte. Was soll uns das Prinzip lehren?


Lat Sau Check Chun und die Umsetzung

Das Wissen um ein Wing Chun Prinzip ist das Eine, die Umsetzung und das ständige Üben um ein Gefühl für seine Bedeutung zu erlangen aber das Wesentliche.

Um Wing Chun und seine Prinzipien zu verstehen und um als Schüler Fortschritte zu machen bedarf es einiger Voraussetzungen. Um die Energien und Kräfte des Trainingspartners und die Eigenen kennen zu lernen ist 1. Lockerheit eine Trainingsvoraussetzung. Wie soll ich fühlen welche Muskeln und Körperteile an einer Bewegung beteiligt sind, wenn ich mich verkrampfe und mir selber die Möglichkeit des Erfühlens beraube.

Wenn ich locker bin kann ich meine Kräfte kennen lernen. Das ständige Üben der Formen und der Einzelübungen wie z.B. „Sat San Choi“ mit und ohne Schritte sind ein wesentlicher Bestandteil im Wing Chun um eine „kleine Idee“ und später eine Vorstellung zu bekommen, zu welchen Möglichkeiten der Körper fähig ist.

Um „Lat Sau Check Chun“ zu verstehen und umzusetzen ist also die Kenntnis der eigenen Energien und Kräfte, wie auch die Stabilität in Stand und in der Bewegung zweite Voraussetzung.

Der dritte Punkt ist die Fähigkeit, die Energien des Trainingspartners einschätzen zu können. Welche Kraft kann er einsetzen und welche Kräfte setzt er gegen mich ein. Wie stabil ist er, wenn er sich bewegt oder steht. Wer seine eigenen Kräfte besser einschätzen kann und die physiognomischen Möglichkeiten seines Körpers kennen gelernt hat, kennt seine Grenzen und weiß in wieweit der eigene Körper belastbar ist. Diese Erkenntnis macht es leichter die Möglichkeiten des Gegenübers einschätzen zu können.

Punkt 4 ist das Erlernen mit den Energien des Gegenübers umzugehen und diese gegebenenfalls abzulenken und zu kontrollieren. Es gibt 3 Möglichkeiten wie man auf einen Angriff reagieren kann. Entweder man reagiert gar nicht, weil man entweder Lebensmüde ist, oder weis das der Angriff keine Wirkung hat. Man weicht dem Angriff z.B. durch eine Wendung oder einen Schritt aus, oder man lenkt den Angriff von seinem Ziel weg.

Während des Kontrollierens und Ablenkens der Bewegung des Angreifers ist es wichtig locker, unverkrampft aber auch stabil in der Struktur zu bleiben.
Ziel ist es, während einer Übung oder in einer Kampfhandlung, die Kontrolle über sich selber zu behalten und gleichzeitig die Angriffe des Gegners zu kontrollieren.

Das Kontrollieren des Gegenübers ist die Vorraussetzung dafür, dass man den Weg für einen eigenen Angriff frei macht oder frei hält. Aus Punkt 4 folgt nach dem Prinzip automatisch Punkt 5, dass schnelle Vorstoßen zum Zentrum des Gegenübers.



Meist bewegt man sich während einer Partnerübung in einer Schleife über die Punkte 4 und 5. Ein Ideale Übung für das Prinzip und ein gutes Beispiel für die Schleife über die Punkte 4 und 5 ist „Lapsau“ mit Pak Sau und Cheong Sau zu „Quansau“.

Beide Schüler trainieren gleichzeitig das Kontrollieren der eigenen Kräfte sowie der Kräfte des Partners. Während der eine beim Angriff mit Pak Sau - Cheong Sau schnell vorstößt und dabei versucht stabil aber locker in der Bewegung zu bleiben, versucht der zweite den Arm zu kontrollieren und mit einem Rückwärtsschritt dem Angriff zu entgehen. Auch hierbei geht es um Stabilität und Entspannung.


Fassen wir also zusammen:

1. Locker sein.
2. Eigene Energie und Kräfte sowie Stabilität kennen lernen.
3. Energie des Gegenübers einschätzen können.
4. Lernen die Energie des Gegenübers ablenken und kontrollieren zu können.
5. Bei freiwerden des Weges zum Gegenüber direkt und schnell vorzustoßen.


Teile die Kraft, stoß schnell und direkt vor

bedeutet, den eigenen Körper in jedem Augenblick einer Auseinandersetzung im Gleichgewicht zu halten. Kontakt mit den gegnerischen Armen herzustellen, um die Geschwindigkeit der Angriffe zu reduzieren. Den Akteur aus dem Gleichgewicht zu bringen und dann, und nur wenn das erreicht wurde, unverzüglich zum Gegenangriff über zu gehen.

Übersetzungen Englisch - Chinesisch gehen zurück auf: www.mandarintools.com/chardict.html

Saarbrücken 30.05.2005

Daniel Stötzer und Si-Fu Thomas Krack